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Erinnern - betrauern - wachrütteln
- Rückblick auf eine bewegende Gedenkveranstaltung für die psychisch kranken und behinderten Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2008 in der Hansestadt Stralsund

von Sandra Rieck

Als am Sonntagnachmittag die TeilnehmerInnen dieser ersten zentralen Gedenkveranstaltung in Mecklenburg-Vorpommern das Stralsunder Rathaus verließen, waren die Gedanken und Gespräche sicher bei Vielen noch lange danach angefüllt von der Beschäftigung mit einem der dunkelsten Kapitel deutscher Vergangenheit. Doch nicht nur erschüttert und traurig, sondern auch angeregt und interessiert an einer weiteren Beschäftigung mit dieser Thematik zeigten sich die TeilnehmerInnen, die an diesem deutschlandweiten Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus dieser NS-Psychiatriegeschichte stellten und sie erinnerten.

Auf Einladung der drei Landesverbände Sozialpsychiatrie, der Psychiatrieerfahrenen und der Angehörigen und Freunde psychisch Kranker Mecklenburg-Vorpommern e.V. hatten am Morgen an der Gedenkstele auf dem Gelände des Hanseklinikums bereits etwa fünfzig Menschen der 1286 Stralsunder Patienten mit Kränzen, Blumen und bewegten Worten gedacht. Die damalige Anstalt war noch vor dem sog. "Euthanasie"-Erlass vom Oktober 1939 durch die Nationalsozialisten vollständig "geräumt" und die Patienten deportiert und ermordet worden. Insgesamt geht man in Deutschland von weit mehr als 200000 getöteten und über 500000 zwangssterilisierten psychisch kranken und behinderten Menschen zu Zeiten des Nationalsozialismus bis 1945 aus.

Die Veranstaltung wurde dann im Stralsunder Rathaussaal mit etwa 150 TeilnehmerInnen fortgesetzt und Grußworte der Landesregierung durch den Staatssekretär Herrn Schmülling und Grüße des Oberbürgermeisters der Hansestadt Stralsund durch Wolfgang Obliers, Psychiatriekoordinator, überbracht.
Prof. Klaus Dörner aus Hamburg, zeitlebens ein Streiter für eine Reform der Psychiatrie in Deutschland, zeigte in seinem komplexen und aufrüttelnden Vortrag die Wurzeln der Behindertenfeindlichkeit, der Isolierung und Selektion anhand eines breiten geschichtlichen Bogens vom Bettelverbot zu Zeiten der Reformation bis hin zur staatlichen Fürsorge und dem fortschreitenden Verlust sozialräumlicher Bezugssysteme wie Nachbarschaft, Kommune und auch kirchlichen Gemeinden auf. Die Kirchen hatten demnach Caritas und Diakonie für den Dienst am Menschen, Gottesdienste für die Begegnung mit Gott weitestgehend nebeneinander entwickelt. Immer mehr driftete im Zeitalter der Industrialisierung gesellschaftlich auseinander, was zusammen gehört: heute in den Forderungen nach "Ambulantisierung" und Rückkehr zum Verbleib der Menschen mit Handicaps in ihren Lebensräumen unter dem Begriff "Inklusion" wieder in der Sozialen Arbeit vehement gefordert.
Die Idee "unwerten Lebens" war 1939 durch ärztliche Verfechter einer biologistischen Medizin längst "wissenschaftlich" vorbereitet und publiziert, brauchte von den Nationalsozialisten nur aufgegriffen werden, um Kriegslasten vermeindlich zu verringern durch die Beseitigung "nutzloser Esser". Grenzen und Gruppen der "Entarteten" waren fließend und Vernichtung machte vor kranken und behinderten Kindern, später Juden und ethnischen Minderheiten keinen Halt, wie man heute weiß.

In der Vortragspause konnten die Teilnehmer neben einem Büchertisch mit Literatur zum Thema auch einen Informationsstand des Landesverbandes der Angehörigen und Freunde psychisch Kranker aufsuchen. Auch der Landesverband der Psychiatrieerfahrenen war mit Gesprächspartnern vor Ort.
Herr Kaiser, Vorsitzender des Landesverbandes der Psychiatrieerfahrenen, Frau Schob, Vorsitzende des Landesverbandes der Angehörigen und Freunde psychisch Kranker und Herr Benz, Vorsitzender des Landesverbandes Sozialpsychiatrie MV waren unter den Anwesenden im ehrwürdigen Stralsunder Rathaus.

Dr. Erwin Walraph, Stralsund, hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, über diese Geschehnisse anhand einer privat initiierten Ausstellung aufzuklären. Er hatte für die Veranstaltung seine Ausstellung "Erlebt - verdrängt - erinnert" über den Missbrauch der Medizin im Rathaus aufgebaut. Viele Besucher zeigten sich sehr beeindruckt von der Fülle des Materials, dass neben Darstellungen von Originaldokumenten auch die Krankenmorde und Zwangssterilisationen in Mecklenburg und Pommern professionell dokumentiert.

Prof. Harald Freyberger ist heute Chefarzt der Klinik für Psychiatrie in Stralsund und Professor an der Universität Greifswald. Als engagierter Mitinitiator dieses Gedenktages stellte er den Stand der Forschung und die recherchierten Fakten zur Deportation und Ermordung der Patienten der ehemaligen Stralsunder Anstalt in seinem Vortrag dar. Allen Anwesenden wurde das erschütternde Ausmaß der Vernichtung deutlich. Wie nachhaltig unbewusst dieses Unheil weiterwirkt, kann man anhand der Scham und der Verdrängung in weiten Teilen der Bevölkerung - auch psychiatrisch Tätiger, Angehöriger oder Patienten - immer noch erleben.
Nicht nur symbolisch, auch tatkräftig unterstützte deshalb das Hanseklinikum Stralsund diesen Gedenktag. Das Bewusstsein für diese Tradition wird hier u.a. durch Prof. Freyberger sehr bewusst öffentlich wach gehalten und wird in weiteren Publikationen seinen Ausdruck finden.

Der heutige Behindertenbegriff soll nicht mehr die überkommenen Wertvorstellungen einer unsäglichen wissenschaftlichen Ära widerspiegeln, sondern sich an der sozialräumlichen Dimension von Behinderung - wie in der der UN-Konvention bereits formuliert - orientieren. Peter Braun, Vorsitzender des Allgemeinen Behindertenverbandes Mecklenburg-Vorpommern, wies auf die Aktualität der Diskussion in heutiger Zeit hin. In Zeiten, in denen rechtradikale Parteien um Zuspruch in der Bevölkerung buhlen, müsse den Menschen aufgezeigt werden, welcher Verbrechen Anhänger rechtsextremer Ideologien fähig waren. Diese richteten sich keineswegs "nur" nach außen, sondern in hohem Maße auch gegen die eigene Bevölkerung. Die Integration von Menschen mit Behinderungen im Lebensalltag ist darum seine Forderung an die Politik, ob in Schulen oder in der Etablierung eines Landesgleichstellungsgesetzes in MV.

"Zukunft braucht Erinnerung" - diesen Leitsatz der Internetseite zum Holocaust unter www.shoa.de zitierte Sandra Rieck, Wismar, die mit Prof. Freyberger die anschließende Podiumsdiskussion mit dem Publikum moderierte. Als Mitglied des Vorstandes des Landesverbandes Sozialpsychiatrie Mecklenburg-Vorpommern sprach sie sich dafür aus, dass eine breite Beschäftigung mit der Thematik der NS-Psychiatrie ein Bewusstsein dafür schaffen möge, in welcher Tradition wir heute arbeiten und leben.
So ist auch dass Vorhaben des Organisationsteams dieser Veranstaltung zu verstehen, in den kommenden Jahren jeweils im Januar in allen wesentlichen Orten Mecklenburg-Vorpommerns, in denen Patienten zu Opfern der NS-"Euthanasie" wurden, eine landesweite Gedenkveranstaltung durchzuführen.

Weitere Verbände und Organisationen haben bereits ihr Interesse an einer Zusammenarbeit signalisiert und sich u.a. dafür ausgesprochen, die individuellen Lebensgeschichten und Schicksale noch mehr in das Zentrum der Forschung und damit auch der öffentlichen Aufmerksamkeit zu rücken.

Dank der Unterstützung und des Engagements vieler Menschen - ob durch Mitwirkung oder auch durch Spenden - ist dieser Gedenktag in Stralsund zum gelungenen Auftakt einer neuen Erinnerungskultur innerhalb der Gemeindepsychiatrie in Mecklenburg Vorpommern und darüber hinaus geworden. Anregungen und Hinweise für die nächste Veranstaltung werden gerne entgegengenommen.

Am 25.01.2009 findet ein Gedenktag in der Hansestadt Rostock gemeinsam mit der Uniklinik Rostock statt. Geplant ist in diesem Zusammenhang auch die Errichtung eines Mahnmals auf dem Klinikgelände, dass die Erinnerung an die psychisch kranken und behinderten NS-Opfer in Rostock wach halten soll.

Wismar, 30.01.2008

Kontaktmöglichkeit: rieck@das-boot-wismar.de



Bilder von der Gedenkveranstaltung

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