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Vor dem Vergessen bewahren !

Von Sandra Rieck

Dieser Aufforderung des Bundesverbandes der Psychiatrieerfahrenen zur ersten gemeinsamen Mahn- und Gedenkveranstaltung für die Opfer der NS-"Euthanasie" in der Geschichte der BRD folgten am 1. September ca. 160 Menschen in die Tiergartenstraße 4 in Berlin.
Der Aktion haben sich namhafte Psychiatrie- und Psychiaterverbände, der Bund der Euthanasiegeschädigten und Zwangssterilisierten als Opferorganisation, der Bundesverband der Angehörigen Psychisch Kranker und das Aktionsbündnis für seelische Gesundheit angeschlossen.

Hilde Soltow, Richard Zülke, Hartmut Mirow und Sandra Rieck als Vertreter des Psychosozialen Trägervereins "Das Boot" Wismar e.V. machten sich gemeinsam auf den Weg, der vergessenen Opfer zu gedenken und die Erinnerung wach zu halten.
Frau Soltow und Herr Zülke repräsentierten gleichzeitig den Landesverband der Psychiatrieerfahrenen Mecklenburg-Vorpommern e.V..
An der unauffälligen Gedenkplatte auf der Rückseite der Philharmonie wurden Blumen und Kränze niedergelegt, sowie Gedenkreden aus der Perspektive der der verschiedenen Vertreter gehalten.

So schilderten Ärztevertreter die Scham, die mit der Frage verbunden ist: was hätte ich damals getan? Dankbarkeit für heutige demokratische Zustände wurde ebenso geäußert wie die Aufforderung an alle, kritisch heutigem Kosten-Nutzen-Denken in der Gesundheits- und Sozialpolitik gegenüber zu treten und sich vermeintlichem biologistischem Diktat in der Wissenschaft und Medizin nicht zu unterwerfen. Behinderte Menschen in die Mitte der Gesellschaft zu holen mache die Gesellschaft reicher und vielfältiger und sei schon in der Bibel am Hofe König Davids ein anerkannter Umgang mit dem Anderssein, Ausgrenzung mache hingegen ein Volk immer ärmer.
Die Angehörigenvertreterin verneigte sich vor den Schicksalen der Familien, die in damaliger Zeit ihre akut psychisch kranken Familienmitglieder vor Denunziation bewahren und zu unauffälligem Verhalten anhalten mussten.

Die schwarze Gedenkplatte in der Tiergartenstraße 4 weist heute auf den ehemaligen Standort der damaligen Dienststelle der Reichskanzlei hin, in dem die planmäßige Tötung von psychisch kranken und geistig und körperlich behinderten Menschen organisiert wurde, der sog. T4-Aktion.
Dieses Mahnmal, darin waren sich alle Anwesenden einig, reicht aber nicht aus, um der Opfer grausamer Vernichtung an zentralem Ort würdig zu gedenken. Bundesweit gibt es viele Bestrebungen, die Opfer durch regionale Initiativen ins Bewusstsein heutiger Generationen zu holen. Dabei ist dieser Teil deutscher Geschichte lange verdrängt und tabuisiert worden. Aber was ist uns heute darüber wirklich bekannt?

Auf der Grundlage des auf den 1.September rückdatierten Führererlasses von Adolf Hitler kamen mehr als 70 000 Menschen durch die Hand oder den Willen u.a. von Medizinern und Pflegepersonal zu Tode. Zu diesem Zwecke wurden u.a. sechs Gasmordanstalten errichtet, in die Patienten von Kliniken und Anstalten durch Gesundheitsbeamte und Ärzte "aussortiert" wurden. Die Tötung fand aber auch in den sog.. Kinderfachabteilungen psychiatrischer Anstalten, durch Hungerkost u.a. Mittel statt.
Vorausgegangen war das 1933 verabschiedete "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" das 1934 in Kraft trat. Auf der Grundlage dieses Gesetzes wurden bis Kriegsende ca. 400.000 Menschen zwangssterilisiert. Die "Aufartung" des NS-Staates kostete aktuellem Forschungsstand etwa 300.000 Menschen das Leben.
Sowohl die Opfer der Erbgesundheitsgesetze als auch die Opfer des "Euthanasieerlasses" sind bis heute nicht als Verfolgte des Naziregimes anerkannt.

Die Veranstalter riefen dazu auf, den Opfern Namen zu geben. Hinter den Zahlen stehen Schicksale, die berühren und uns auch heute angehen. Lange wusste man aber nicht, um welche Menschen es sich im Einzelnen handelte.
Knapp die Hälfte der lange verschollen geglaubten Krankenakten der "Euthanasie"Toten wurden im Zuge der Öffnung der Stasi-Archive Anfang der 90er Jahre aufgefunden und im Rahmen eines Projektes zu Lebensgeschichten von Opfern der nationalsozialistischen "Euthanasie" erforscht und veröffentlicht.

Der Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener e.V. als Initiator dieser Veranstaltung hatte ein breites Bündnis an Verbänden zu einer Kooperation bei der Durchführung dieser ersten bundesweiten Veranstaltung gewinnen können. Zu den diesjährigen Kooperationspartnern der Mahn- und Gedenkveranstaltung, der Aktion Psychisch Kranke, dem Aktionsbündnis für seelische Gesundheit, dem Arbeitskreis der Chefärztinnen und Chefärzte von Kliniken für Psychiatrie und Psychotherapie an Allgemeinkrankenhäusern in Deutschland, der Bundesdirektorenkonferenz, dem Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker, dem Dachverband Gemeindepsychiatrie, der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie, sowie dem Landesbeauftragten für Menschen mit Behinderung Berlin werden im nächsten Jahr weitere hinzukommen.
Ein Ergebnis dieser Veranstaltung ist die Verabredung der Veranstalter, in jedem Jahr am ersten Septemberwochenende eine gemeinsame Gedenkveranstaltung für die Opfer an dieser Stelle durchzuführen.

Der Landesverband Sozialpsychiatrie MV hat beschlossen, eine landesweite Gedenkveranstaltung am 27.01.2008 in Mecklenburg-Vorpommern durchzuführen. Dies ist der zentrale Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus und Frau Rieck vom Verein "Das Boot" Wismar e.V. wird in der Organisationsgruppe vertreten sein.
Auch hier werden sich am zentralen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus unterschiedliche Verbände und Organisationen der Psychiatrie informieren: über die Schicksale der Menschen damals, über den Geist, der zu diesen Verbrechen führte und gegen das Vergessen!

Jeder, der zu diesem Thema Hinweise geben möchte, kann dies unter info@das-boot-wismar.de tun! Wir interessieren uns speziell für Geschichten von Menschen aus der Region in und um Wismar, die zu Opfern der Euthanasie wurden und möchten die Erinnerung daran lebendig werden lassen.

« Stellungnahme des Dachverbandes Gemeindepsychiatrie e.V. und der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie e.V. (PDF-Datei, 32 Kb)
» Flyer (PDF, 428 Kb)
» "Boot"-Gruppe gedenkt Opfer Ostseezeitung vom 27. August 2007 (PDF, 79 Kb)




Bilder von der Gedenkveranstaltung

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